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Innovation durch Konflikt

 
Oliver Salge (Leiter Wald- und Meereskampagne Greenpeace), Eva Goris (Journalistin und Pressesprecherin der Deutschen Wildtier Stiftung) und Florian Nehm (Leiter Referat Nachhaltigkeit und EU-Affairs Axel Springer) vor dem Greenpeace Sitz in Hamburg
Oliver Salge (Leiter Wald- und Meereskampagne Greenpeace), Eva Goris (Journalistin und Pressesprecherin der Deutschen Wildtier Stiftung) und Florian Nehm (Leiter Referat Nachhaltigkeit und EU-Affairs Axel Springer) vor dem Greenpeace Sitz in Hamburg

Hamburg im Juni 2010: Die Journalistin Eva Goris dokumentiert ein Gespräch von Oliver Salge, Leiter der Wald- und Meereskampagne von Greenpeace-Deutschland, und Florian Nehm, Nachhaltigkeitsbeauftragter der Axel Springer SE, über Sichtweisen von Umweltorganisationen und Unternehmen.

Faktor Greenpeace! Was kann ein Unternehmen tun, wenn Greenpeace kommt? Dafür gibt es kein Patenrezept, aber eins ist sicher: Worthülsen, leere Versprechungen und die leise Hoffnung, dass sich die „grünen Lobbyisten“ über den Konferenztisch ziehen lassen, fruchten bei dieser Art Auseinandersetzung nicht. Im Ringen um Lösungen gibt es auf diese Frage nur eine Antwort: Aufgeschlossen denken, reden und früh handeln.

„Greenpeace? Die reden ja nicht mit uns…“ Den Satz hört Florian Nehm, Nachhaltigkeitsbeauftragter der Axel Springer SE und auch zuständig für Regierungsbeziehungen zur Europäischen Union, häufig, wenn er mit Managern und Führungskräften anderer Konzerne zusammentrifft. „Ich habe da ganz andere Erfahrungen gemacht“, sagt Nehm. Er trifft Oliver Salge im Kreativraum der Greenpeace-Zentrale an der Großen Elbstraße in Hamburg. „Leiter der Wald- und Meereskampagne“ steht auf Salges Visitenkarte, die politically ganz correct auf Recyclingpapier gedruckt ist. Zwei Männer sitzen sich dort in durchgesessenen Sitzelementen gegenüber. Männer, die schon rein optisch betrachtet, unterschiedlicher nicht sein können. Florian Nehm personifiziert den souveränen Manager im feinen Anzug, Oliver Salge gibt sich in T-Shirt und Jeans mit jugendlichen Silberkreolen im Ohr betont locker. Der kleine Raum ist eher karg. An weißen Wänden Fotos spektakulärer Aktionen aus aller Welt: Greenpeacer im Eis, Greenpeacer im Schlauchboot, Greenpeacer im Wald. Die Aktivisten, von ihren rund 550.000 Spendern mit dem Mandat „Kämpfer für eine intakte Umwelt“ als moralische Instanz in Sachen Natur finanziert und als „grüne Macht“ im Staate bewundert, sind für viele Konzernmanager eher ein Feindbild. Grüne Krieger, gegen die es keine richtige Konzernstrategie gibt, unberechenbar und störend. Die bange Frage „Was tun, wenn Greenpeace kommt?“, drückt aus, was manche Führungskräfte in großen Unternehmen haben: Berührungsängste gepaart mit einer gehörigen Portion Respekt vor dem unbekannten Gegner.

Die unwissende Außensicht auf den „Störfaktor Greenpeace“ pendelt zwischen zwei Extremen: die einen halten Greenpeacer für grüne Dummköpfe, die anderen für super-schlaue Umwelt-Gurus. Beides ist falsch! Aber was tun, wenn Greenpeace kommt? Der Mann bei Axel Springer in Sachen Nachhaltigkeit kennt nach Jahren der Auseinandersetzung im Ringen um Lösungen auf diese sorgenvolle Frage nur eine Antwort. Sie lässt sich auf wenige Worte reduzieren: „Aufgeschlossen denken, reden und früh handeln!“

"Nichts ist schlimmer, als ständig wechselnde Ansprechpartner"

In der Kreativ-Höhle des grünen Löwen bleibt bei dem Gespräch zwischen den beiden Männern keine Zeit für Smalltalk. Die Begegnung ist zwar freundlich, aber auf beiden Seiten selbstbewusst geführt und sehr bestimmt an der Sache orientiert. Man kennt sich und man kennt das Gesprächsthema bis in Details, die für Außerstehende oft belanglos scheinen. Es geht um Papier, um Bäume, die Balance von Waldnutzung und Waldschutz, um Nachhaltigkeit und gemeinsame Erfahrungen miteinander, die auch viel mit „personeller Nachhaltigkeit“ im Hause Axel Springer zu tun haben. So sieht es jedenfalls der Mann von Greenpeace. „Florian Nehm ist jetzt schon über Jahre hinweg unser Gesprächspartner. Das ist gut. Nichts ist schlimmer, als ständig wechselnde Ansprechpartner, die ahnungsfrei sind und auf die Schnelle von der Geschäftsführung eines Konzerns ins Feuer geschickt werden, wenn Greenpeace kommt“, sagt Oliver Salge. Erfahrungen, die der Umweltschützer mit anderen Konzernen immer wieder macht.

Gedankenaustausch in der Hamburger Greenpeace-Zentrale: Kampagnenleiter Oliver Salge (rechts im Bild), die Journalistin Eva Goris (mitte) und Nachhaltigkeitsmanager Florian Nehm (links)
Gedankenaustausch in der Hamburger Greenpeace-Zentrale: Kampagnenleiter Oliver Salge (rechts im Bild), die Journalistin Eva Goris (mitte) und Nachhaltigkeitsmanager Florian Nehm (links)

Seine Stimme ist ruhig, ein wenig monoton, wenn er über den Schutz der Urwälder in Kanada, Brasilien, Indonesien, Finnland und Russland referiert, an Einschlags-Moratorien erinnert und über Konzepte spricht, die „den Wald schützen, obwohl die Holzindustrie einzelne Flächen nutzt“. Oliver Salge gibt sich diplomatisch und klingt dabei ein bisschen wie der erfahrene, souveräne Politiker im Wahlkampfzelt. Es wirkt beinahe staatstragend, wenn er sagt: „Der Weg war nicht immer einfach und durchaus von Rückschlägen gekennzeichnet.“

Er redet von „Erfahrung seit 1997“, seinen Erfahrungen. Beständigkeit in punkto Wald gibt es also nicht nur im Hause Axel Springer. Auch der Umweltschützer von Greenpeace ist ein „alter Hase“ im Geschäft. Dann lässt Salge mit sonorem Timbre verbal die Muskeln spielen, als er an ein gescheitertes Einschlags-Moratorium erinnert: „Den kanadischen Zellstoff-Herstellern war damals vielleicht noch nicht ganz klar, dass Greenpeace meint, was Greenpeace sagt!“ Was sich wie eine unterschwellige Drohung auch für zukünftige Zusammentreffen zwischen Konzernen und Greenpeace anhört, darf durchaus als Warnung verstanden werden. „Greenpeace lässt sich nicht über den Tisch ziehen!“ Und leise fügt er hinzu: „Greenpeace agiert international – und ist die Gefahr eines ökonomischen Schadens für ein Unternehmen wegen einer Umweltkampagne groß genug – muss auch ein Weltkonzern handeln." Dann zeigt sich um seine Mundwinkel das Lächeln eines Siegers und er sagt: „Heute sind 28 Millionen Hektar Urwald in Kanada für die nächsten drei Jahre vor den Kettensägen der Holzindustrie geschützt.“

Er ist stolz. Das ist unüberhörbar, wenn er von dem „einmaligen Waldökosystem der Nordhalbkugel“ schwärmt, von Bären, Wölfen und Karibus redet. Worte wie „Einschlagstopp, friedlicher Protest, zähe Verhandlungen“ spricht er gelassen aus und redet gern über „die langjährige Kampagne, die selbst führende kanadische Holz- und Papierhersteller in die Knie gezwungen hat“. Greenpeace habe Druck gemacht. Dass dieser „Druck“ ohne die großen Papierkunden aus Medienhäusern wie der Axel Springer SE, der WAZ-Mediengruppe und DuMont nicht zum Erfolg geführt hätte, wird sogar in einer Greenpeace-Pressemitteilung lobend erwähnt. „Deutsche Zeitungs- und Zeitschriftenverlage beziehen Zellstoff und Papier aus Kanada und haben sich für eine Lösung der Urwaldfrage eingesetzt“, steht in der Meldung aus dem Hause Greenpeace. Lob von „allergrünster“ Stelle. „Aber der Weg war nicht immer leicht…“, relativiert Salge.

NGOs als Top-Kunden

Das Gespräch zwischen Oliver Salge und Florian Nehm an der Elbe ist eine Art Zwischenbilanz im Miteinander zwischen einem in Europa führenden multimedialen Medienunternehmen und Deutschlands größtem und schlagkräftigstem Umweltlobbyisten. Man kennt sich seit Jahren und ist sich im gelegentlich auch harten Austausch um konstruktive Lösungen für „sauberes“ Papier näher gekommen. Man hat gemeinsam viel erreicht. Es ist keine Liebesbeziehung.

Trotzdem ist eins bei allen Gegensätzen sofort spürbar: Man zollt sich gegenseitigen Respekt. „Keine Innovation ohne Konflikt“ – ein Satz, dem beide sofort zustimmen.

Die Saubermänner und -frauen im Greenpeace-Schlauchboot sind heute längst nicht mehr zu ignorieren. Sie sind als Mitglieder einer Non-Governmental Organisation (NGO), einer Nicht-Regierungsorganisation, auf dem internationalen Polit- und Wirtschaftsparkett zu einer einflussreichen Marke geworden. „NGOs wie Greenpeace verfügen über eine bedeutende Fähigkeit“, sagt Florian Nehm. „Sie können öffentlich Themen setzen.“ Das heißt, NGOs können Themen-Karrieren in Gang bringen oder auch den Ruf eines Unternehmens, eines Produktes empfindlich beschädigen! Zugleich können sich aus dem konstruktiven Umgang mit Greenpeace innovative Ideen ergeben, für die man am Berater-Markt teure Honorare bezahlen würde. „Der Blick auf diesen Aspekt bleibt vielen Unternehmen aus Unsicherheit im Umgang mit dem Angstgegner Greenpeace häufig verstellt“, sagt Florian Nehm. Um einen konstruktiven Weg zu gehen, sei aufgeschlossenes, lernwilliges und innovationsfreudiges Management gefragt. „Das sollte eigentlich in jedem BWL-Lehrbuch als Fallstudie stehen“, sagt Florian Nehm. „Antworten auf die oft zugespitzten Fragen, die Greenpeace stellt, müssen halt glaubwürdig überzeugen.“ Dabei gehe es im Umgang mit Greenpeace nie um eine Demuts-Haltung. „Bei weitem nicht“, betont er. „Meine Erfahrungen aus den vergangenen Jahren belegen, dass sich aus hart am Thema geführten Diskussionen häufig auch für Unternehmen gute neue Lösungen ergeben.“

Aber was tun, wenn Greenpeace kommt? Die gängigen Antworten, die Oliver Salge bei Konfrontationen mit anderen Konzernen hört, sind ihm längst geläufig: „Konzerne verstecken sich gern hinter dem Begriff Betriebgeheimnis.“ Der Wald-Aktivist der Umweltschützer kennt die Standardausreden: „Erstens: Man sei als Unternehmen viel zu klein. Da Greenpeace in der Regel die Top-Ten einer Branche konfrontiert, ist diese Ausrede schnell wertlos!“ Zweitens: Schuld seien die anderen Konzerne! Drittens: ICH bin nicht zuständig! Salge betont: „All das ist mir im Umgang mit dem Hause Springer nie passiert.“

Nehm: „Das hat auch mit Kundenfreundlichkeit zu tun. So sehen wir NGOs weniger als Störenfriede sondern eher als Top-Kunden.“ Durch eine gute Kundenbeziehung lassen sich schon im Vorfeld viele Probleme lösen. „Anfragen dürfen nicht liegen bleiben oder gar ignoriert werden. Rückmeldungen sollten möglichst schnell, kompetent und verbindlich erfolgen.“

Dabei können Missverständnisse auch seitens Greenpeace zum Beispiel dadurch vermieden werden, dass Briefe der Umweltschützer nicht einfach „an die Geschäftsleitung“ sondern möglichst an einen konkreten Adressaten verschickt werden. Andernfalls kann solch brisante Post in großen Unternehmen unter Umständen tagelang von Poststelle zu Poststelle geistern oder sogar verloren gehen. Dann mag Greenpeace wiederum denken: Typisch! Die wollen ja nicht antworten. Es kann zu voreiligen Reaktionen kommen, die wiederum mit überzogenen Gegenreaktionen beantwortet werden. Dabei steckt hinter solchen Missverständnissen oft weder eine ausgeklügelte Strategie noch böse Absicht. Auch wenn die Ursache in einer gewissen Form von Nachlässigkeit liegt, können sich gerade solche Situationen hochschaukeln.

Dabei gibt es ohnehin für die Optimierung von Produktionsabläufen in den meisten Fällen keine einfachen Antworten. Das weiß auch Aktivist Oliver Salge: „Auch Greenpeace hat nicht immer gleich Lösungen parat.“ Die naive „Nein, Danke!“-Denke aus der Gründerzeit der grünen Bewegung sieht Oliver Salge als inzwischen überwunden. Für ihn ist bei diesem Prozess eins besonders wichtig: Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung eines Unternehmens mit den Greenpeace-Forderungen.

Konstruktive Diskussionen um geforderte Veränderungen gelingen am besten, wenn die Teilnehmer beider Seiten gut informiert sind. Diese oft langwierige Auseinandersetzung vergleicht Florian Nehm gern mit amerikanischen Gerichtsfilmen. „Da gibt es die Anklage, die Verteidigung und die Jury. Das läuft manchmal sehr emotional ab.“ Und Greenpeace ist als Ankläger Meister der Emotion. Da müssen Unternehmen für die Verteidigung gut gewappnet sein, denn insbesondere Fernseh-Medien und Öffentlichkeit beurteilen Haltung und Glaubwürdigkeit so kritisch wie eine Jury.

Ist die Greenpeace-Kritik erstmal in den Medien, bleibt für Konzerne oft nur die anfangs schwächere Position der Verteidigung übrig. Wenn das Protestbanner vom Dach hängt und vor der Eingangshalle Flugblätter an Passanten verteilt werden, steht das betroffene Unternehmen oftmals mit dem Rücken zur Wand. Greenpeace in der Rolle des Anklägers hat zunächst die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf seiner Seite. „Zu diesem Zeitpunkt ist es extrem wichtig, wie ein Konzern reagiert“, betont Florian Nehm.

Die Macht der Protestbilder

Gern schildert Nehm eine frühe Begegnung mit den Umweltschützern von Greenpeace. „Es war 1993. Da standen plötzlich die Greenpeace-Ankläger im Haupteingang unseres Verlagshauses in Hamburg und fragten provozierend: ,Wie viel Wald kostet Ihre Zeitschrift?‘ Medienwirksam hatten sie gleich ein TV-Team und Fotografen mitgebracht.“ Statt den Sicherheitsdienst zu rufen – wie es damals durchaus den Erwartungen hätte entsprechen können – saßen die Umweltschützer kurze Zeit später mit Managern, Betriebsräten und der Konzernsprecherin gemeinsam am Konferenztisch. „Und wir haben geredet“, erinnert sich Florian Nehm. Die Überraschung war groß – und zwar bei allen Beteiligten! Diese aufgeschlossene Reaktion des vermeintlichen „Gegners Springer“ hatte Greenpeace nicht erwartet. Dramatische Bilder einer Gegenaktion gab es nicht. Nehm gesteht heute: „Ich war in diesem Augenblick sehr stolz auf meine Firma.“

Oliver Salge: „Greenpeace meint, was Greenpeace sagt.“
Oliver Salge: „Greenpeace meint, was Greenpeace sagt.“

Der Umgang mit Greenpeace ist nicht einfach. Schon bei der Kontaktaufnahme tun sich viele Konzerne schwer. Wer ist zuständig, wenn die Angstgegner in der Eingangshalle stehen? „Wir liefern nichts, wir kaufen nichts“, sagt Oliver Salge und beschreibt den Ablauf so: „Da taucht zunächst die Frage auf: Wer soll mit Greenpeace reden?“ Der Verkaufs-Manager, der Geschäftsführer oder die Pressestelle? „In der Pressestelle sind wir mit Leuten konfrontiert, die viel von Werbung und der positiven Außendarstellung des Konzerns verstehen. Aber sie haben keine Ahnung von den Produktionsabläufen innerhalb des Konzerns.“ Die Standardantworten aus Pressestellen könne er sich „selbst schreiben“, so Salge. Auf Greenpeace-Kritik wird oft nicht ernsthaft eingegangen. „Und dann passiert genau das, was Konzern-Chefs am meisten fürchten: Greenpeace kommt und nutzt das Mittel der direkten Aktion“, das heißt: dann hängen die Protestbanner von den Dächern der Konzernzentralen und die Öffentlichkeit blickt im Blitzlichtgewitter der Fotografen und TV-Kameras direkt auf das angeprangerte Problem. Und als moralische Instanz mit hoher Glaubwürdigkeit steht Greenpeace zunächst glänzender im gleißenden Licht der Öffentlichkeit als ein Konzern, der von außen betrachtet eher „gesichtslos“ durch kalte Fassaden auffällt. Das verstärkt die Wirkung der „Greenpeacer“, die sich ja offensichtlich selbstlos für die „gute Sache“ anketten oder sogar in Gefahr bringen und dabei auch rechtliche Konsequenzen in Kauf nehmen. Die „Helden von Greenpeace“ kommen in Vertretung für Lieschen Müller und Kalle Kehl aus Köln. Sie artikulieren plakativ, was Jedermann „auch schon mal sagen wollte“. Dieser geballten Emotion hat ein Konzern nur selten etwas entgegenzusetzen. Kommt gar der Werksschutz und „verdrängt“ die Helden, erringen die Umweltschützer einen medialen Sieg. Er liegt im scheinbaren „Verlieren“ gegen den Stärkeren. Das ist das David-gegen-Goliath-Prinzip. TV-Kameras und Fotos fällen ein „Urteil“ – vielleicht sogar unbeabsichtigt und ohne abschließend „urteilen“ zu wollen. Dramatische Bilder sprechen für sich.

„Wie viel Wald kostet ihre Zeitschrift?"

Zwischen Greenpeace und der Axel Springer SE ging es bei der Aktion 1993 zunächst um eine einfache Frage: „Wie viel Wald kostet ihre Zeitschrift?“ Doch diese Frage war damals geradezu revolutionär. Erst seit der Klimadebatte fragt heute jedermann ganz selbstverständlich nach dem ökologischen Fußabdruck eines Produktes. „Damals war der Blick auf die Wertschöpfungskette neu“, erinnert sich Florian Nehm. Es gab mehr Fragen als Antworten. Wo fängt die Verantwortung für Verlagsprodukte an? Vor dem Druckereitor oder schon früher? „Die Axel Springer SE hätte 1993 gern eine 100-seitige Dokumentation präsentiert, aber die hatten wir nicht.“ Noch nicht! Während andere Verlagshäuser Greenpeace lapidar an die Papierindustrie verwiesen und im Gegenzug mit Protestaktionen à la „Donnerstag ist Kahlschlag-Tag“ (wie vor dem Hamburger Verlagshaus Gruner & Jahr geschehen) konfrontiert wurden, lautete das Fazit im Hause Axel Springer von Anfang an: „Niemand darf von der gesamten Herstellungskette unserer Produkte mehr verstehen als die Verantwortlichen in unserem Unternehmen selber.“ Papier als ungeklärte Quelle? Die Antwort des Medienhauses auf die provozierende Fragestellung der Umweltschützer hieß damals: „Gebt uns vier Wochen Zeit, dann geben wir euch eine Antwort.“

Der Greenpeace-Besuch im Hamburger Verlagshaus wird von Florian Nehm als hilfreicher Impuls gesehen. Die Frage „Wie viel Wald kostet ihre Zeitschrift?“ ist natürlich journalistisch zugespitzt. „Und wir als journalistisches Haus haben uns an unsere Hausaufgaben gemacht, bei unseren Papierlieferanten in Deutschland, Finnland, Schweden, Norwegen, Kanada und Russland recherchiert und am Ende des Prozesses nicht nur diese Frage beantwortet.“ Natürlich kamen damals immer wieder Diskussionen auf. Kann man die Wald-Frage so stellen? Wo fängt Verantwortung an? Was hat der Verlag mit den Produktionsabläufen in der Papierindustrie zu tun? „Heute ist unsere Haltung klar: Auch wenn es nur ein Stock ist, dessen Herkunft ungeklärt bleibt – wir müssen früh und selber herausfinden, ob dieser Stock nachhaltig gewachsen ist. Dabei interessieren wir uns genauso für die Zellstofflieferanten unserer Papierhersteller – von Finnland bis Kanada und Uruguay.“

Eine Transparenz, die Anfang der 90er Jahre neu war. „Wir veröffentlichten die Liste unserer Papierlieferanten und ihre Antworten auf damals unübliche Fragen wie: Wo steht ihr Wald? Wer ist für Kontrollen zuständig? Gibt es eine ökologische Bewertung? Wie sieht der lokale Dialog mit Umweltorganisationen aus?

„Die Ergebnisse haben wir dann auf einer Pressekonferenz veröffentlicht.“ Dort saßen mehr Unternehmensvertreter als Journalisten, denn es war das erste Mal, dass ein Verlag diese Fakten öffentlich gemacht hat. Der Vorgang war revolutionär! Dieser Transparenz ging eine große Sorge voraus. Man fragte sich im Verlag: Können wir jetzt immer dann angegriffen werden, wenn unsere Lieferanten ins Kreuzfeuer geraten? Nehm: „Doch es war genau anders herum. Wir erfuhren sofort, ob ein Problem hoch kocht und konnten so sehr früh reagieren. Eine Eskalation fand deshalb gar nicht erst statt.“

„Bei Unklarheiten oder mangelnder Plausibilität der Darstellungen war Florian Nehm nicht abgeneigt, selber in den Wald vor Ort zu gehen“, erinnert sich Oliver Salge. Dort warteten oft Überraschungen – auch für Greenpeace. „Wir haben in dieser Zeit auch als Umweltschutzorganisation viel gelernt.“ Zum Beispiel, dass „Urwald“ von einigen Nutzern in Kanada, Russland und Finnland häufig anders gesehen wird, als von Greenpeace. Was für die Umweltschützer ein „erhaltenswertes Ökosystem“ ist, wurde vor Ort oft grundlegend anders aufgefasst. Salge: „Gerade für Förster ist Urwald oft nichts anderes als alter und damit schlechter Wald, der reif ist und geerntet werden muss, bevor er verrottet.“ In diesem Spannungsfeld bewegen sich Waldschützer und Waldnutzer, Greenpeace und die Axel Springer SE im ständigen Dialog. „Das ist ein anstrengender und auch schmerzhafter Prozess“, resümiert Florian Nehm heute. Mal musste die eine Seite von Maximalforderungen abrücken, mal die andere. Auch Greenpeace weiß, dass Lösungen tragfähig sein müssen: nicht nur für den Wald. Auch für Unternehmen, Waldarbeiter und Anwohner, für Gewerkschaften und andere NGOs. Alle Stakeholder wollen am Ende einen Nutzen. „Und nur der fair moderierte Dialog ist der Weg zu diesem Ziel“, betont Florian Nehm.

Studium kanadischer Forstkartierungen in der Hamburger Greenpeace-Zentrale
Studium kanadischer Forstkartierungen in der Hamburger Greenpeace-Zentrale

Ab 1995 ergänzte das Verlagshaus seine Verträge mit Papierlieferanten um die sogenannten Waldnutzungsstandards, deren Einhaltung das Unternehmen sporadisch auch vor Ort überprüft. Die Axel Springer SE legt Wert auf Nachhaltigkeit. Das heißt: Die Artenvielfalt muss gewährleistet sein, damit Tiere- und Pflanzenarten durch die Waldnutzung nicht gefährdet werden. Die Papierhersteller sollen als Holzeinkäufer Öko-Kontrollen durchführen und Mitarbeiter ökologisch schulen.

Rücksicht auf Ureinwohner wie die Sami in Nordskandinavien gehören ebenso zu den Waldnutzungsstandards wie eine offene Informationspolitik der Papierlieferanten. Außerdem legt der Verlag großen Wert darauf, dass nicht mehr Holz geerntet wird als nachwächst. In diesem Punkt gehen die Waldnutzungsstandards Oliver Salge nicht weit genug. „Es handelt sich dabei um eine ökonomische Nachhaltigkeit aus der Sicht von Forstleuten. Ökologisch betrachtet kann man mit Blick auf wertvolle Biotope nicht einfach einen Baum durch einen neuen Baum ersetzen.“ Trotzdem: Für Salge sind die Waldnutzungsstandards des Hauses Springer „wichtige Ergebnisse“. Und er fügt hinzu: „Bei aller Härte der Auseinandersetzung mit der Axel Springer SE hatten wir nie das Gefühl, die wollen von Greenpeace nur ein Greenwashing.“ Er hebt besonders hervor: „Die Gespräche mit Springer hatten Substanz und wurden mit Ernsthaftigkeit geführt.“

Kein Schmusekurs

Diese Form des kompetenten, ehrlichen Umgangs miteinander fehle häufig bei anderen Konzernen. Oliver Salge, der Volkswirtschaft und Sozialökonomie studiert hat, führt als Negativbeispiel ein Treffen der Umweltschützer mit einem großen Lebensmittelhersteller an, das erst kürzlich stattfand. Die Begegnung sei zunächst auf eine Art Briefaustausch zwischen der Geschäftsführung des Konzerns und der Greenpeace-Geschäftsführung reduziert gewesen. Dann habe Greenpeace das Gespräch gesucht. Dieses Gespräch sei zwar zustande gekommen, habe sich unterm Strich jedoch wieder nur auf eine Art Briefaustausch reduziert. „Man überreichte uns ein Schreiben, in dem stand, dass sich der Konzern zur Umwelt bekenne und der Urwald erhalten bleiben soll – Punkt. Auf Nachfrage von Greenpeace, was die Firma dafür zu tun gedenke, um der Forderung in Ländern wie Indonesien auch Nachdruck zu verleihen, kam keine Antwort.“ Alle Greenpeace-Vorschläge – zum Beispiel ein Schreiben an die Botschafter der jeweiligen Länder aufzusetzen – wurden von den Firmenvertretern nicht beachtet. Oliver Salge ist über ein solches Verhalten verärgert: „Da denken führende Köpfe in so einem mächtigen Unternehmen ganz naiv, man könne einfach einen Brief an Greenpeace schreiben und dann geben die schon Ruhe und alles wird gut!“ Für Greenpeace sei bei einem Gespräch das Resultat wichtig. „Und bei diesem Konzern-Kontakt kam eben nix raus! Es ging der Geschäftsführung nur um Absolution.“ Dieses Verhalten spiegelt Unsicherheit im Umgang mit dem Angstgegner Greenpeace. Es belegt eine fast mitleiderregende Hilflosigkeit der betreffenden Konzernleitung.

Seit 1993 hat sich nicht nur im Verhältnis Axel Springer-Greenpeace viel geändert. Im Jahresbericht des finnischen Papierherstellers Stora Enso – einem Papierlieferanten der Axel Springer SE – gibt es ein Foto von Jouko Karvinen, dem CEO des Konzerns, im Gespräch mit Oliver Salge. Es geht um einen jahrelangen Konflikt um ökologisch sensible Waldflächen, deren Schutz in Nordfinnland gefordert wird. Karvinen lobt den „offenen Dialog“ mit Greenpeace.

Verhandlungen in Kanada und Nordfinnland

Sicher hat auch die Hartnäckigkeit des Papierkunden Axel Springer mit dazu beigetragen, dass nach vielen Jahren der Auseinandersetzung in diesem Urwaldkonflikt in Nordfinnland eine Einigung zustande kam. Hier wurden 100 000 Hektar Wald aus der Nutzung genommen, 17 000 Hektar werden weiter bewirtschaftet. „Aus unserer Sicht ist das ein guter Kompromiss“, sagt Oliver Salge. „Obendrein stehen alle NGOs hinter dieser Lösung – auch die Sami, deren Land davon direkt betroffen ist.“

Ein solcher Erfolg steht nicht immer am Ende eines Prozesses. Beispielsweise in Kanadas Provinz British Columbia gibt es lokale Umweltverbände, die mehr von Greenpeace erwartet haben und am Ende sogar sauer auf Greenpeace sind. „Das ist unberechtigt und schmerzt“, sagt der Waldexperte. „Am Ende können nie alle Beteiligten eines solchen Prozesses restlos glücklich sein. Es geht schließlich um einen tragbaren Kompromiss. Greenpeace ist nicht gegen Holzwirtschaft – wir wollen eine gute Holzwirtschaft.“

Bei der Suche nach tragbaren Lösungen für die ökologische und soziale Nachhaltigkeit geben sich der Papiernutzer Axel Springer und Greenpeace auch heute noch gelegentlich „a hard time“. Florian Nehm: „Wir fahren keinen Schmusekurs. Aber bei der Analyse von Risiken, Chancen und Trends der nachhaltigen Holzgewinnung weltweit, ist der regelmäßige Austausch mit einer kritischen Umweltorganisation wie Greenpeace ein ganz wichtiges Element.“

Der Wind weht heftig, die Elbe ist aufgewühlt. Hin und wieder reißt der Himmel auf und taucht die Szene in strahlendes Sonnenlicht. Hamburg zeigt sich meteorologisch von seiner dramatischen Seite. Trotz des unbeständigen Wetters will Oliver Salge Florian Nehm den Totempfahl der kanadischen Indianer zeigen. Die Umweltschützer haben den rohen Stamm per Schiff über den Atlantik an die Elbe transportiert. „Er wurde dann auf einer Protestfahrt zu deutschen Papierherstellern und Papierkäufern vor über zehn Jahren von kanadischen Ureinwohnern über Monate in Deutschland zurechtgeschnitzt“, sagt Salge. Das Totem steht jetzt an der Wasserseite gleich hinter der Greenpeacezentrale an der Großen Elbstraße.

„Wir haben diesen Totempfahl von den kanadischen Ureinwohnern – den Indianern – geschenkt bekommen“, so Salge stolz. Er wirkt ganz sanft, als er sagt: „Sie haben Greenpeace feierlich für den Einsatz gedankt.“ Beide Männer berühren das alte, durchgetrocknete Holz des Totems. „Wir brauchen eine Unternehmens-Kultur, Manager, die mehr Verantwortung für die Umwelt tragen…“, der Wind frischt auf und nimmt die Worte von Oliver Salge mit.