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Habitat-Sicherung für kanadische Karibus

 
Montreal, Kanada: Melissa Filion, Leiterin der Waldkampagne bei Greenpeace, erläutert dem Nachhaltigkeitsbeauftragten Florian Nehm von Axel Springer den Stand der Diskussion um den Schutz der Artenvielfalt in der Forstwirtschaft. Gemeinsam mit der Forstindustrie soll der Lebensraum der amerikanischen Rentiere (Karibu) erhalten werden.
Montreal, Kanada: Melissa Filion, Leiterin der Waldkampagne bei Greenpeace, erläutert dem Nachhaltigkeitsbeauftragten Florian Nehm von Axel Springer den Stand der Diskussion um den Schutz der Artenvielfalt in der Forstwirtschaft. Gemeinsam mit der Forstindustrie soll der Lebensraum der amerikanischen Rentiere (Karibu) erhalten werden.

Dialog statt kalter Schulter: Engagement mit dem Verband Deutscher Zeitschriftenverleger VDZ

Wer sich bei kanadischen Umweltschützern als Mitglied des „WEEDEESET“ zu erkennen gibt, erfährt zumeist eher Wohlwollen - manchmal sogar Anerkennung. Denn den „German Publishers“ wird der Einsatz für unberührte Wälder am kanadischen Pazifik und den bedrohten Waldkaribu in Ontario und Quebec positiv angerechnet. VDZ-Mitglieder gelten als ökologisch aufmerksame Papiereinkäufer, die sich auch für kanadischen Zellstoff interessieren, der u.a. in Deutschland zu hochwertigem Zeitschriftenpapier verarbeitet wird.

Die erste Informationsreise des Nachhaltigkeitsbeauftragten der Axel Springer SE nach Britisch Kolumbien fand schon 1994 statt, gemeinsam mit dem damaligen Geschäftsführer des VDZ, Wolfgang Fürstner. Damals jedoch war die Stimmung frostig und aufgeladen. Umweltorganisationen wie Greenpeace und die Forstindustrie standen sich unversöhnlich gegenüber. Es wurde geschimpft, protestiert und blockiert. Im 7777 Kilometer entfernten Deutschland standen Nutzer von Druckpapier aus kanadischem Zellstoff in der Kritik. Und als der Premier von British Columbia zur Erläuterung seiner Sicht nach Hamburg reiste, wurde er von Umweltaktivisten bei einer „Flugblattaktion über den Wolken“ schon im Flugzeug als der „Urwaldkiller auf Platz 1A“ attackiert.

Ziel der ersten "Wald-Reise" an die Kanadische Westküste war einfach nur zuhören, verstehen und Gesprächsbereitschaft signalisieren. Zur Einführung erläuterte ein Professor der Universität Vancouver die Besonderheiten der regionalen Forstökologie. Dem folgten Termine mit Familienforstbetrieben auf Vancouver Island, mit Umweltorganisationen, mit Vertretern der kanadischen Ureinwohner, mit dem Forstminister und mit Abgeordnete der Opposition. Hinzu kamen Gespräche mit über "die Baumumarmer" ("Tree-Hugger") erbosten Waldarbeitern sowie mit zurückhaltend abwartenden Managern großer Forstunternehmen und Zellstoffproduzenten.

Seit dem leistet der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger als Stimme von Papierkunden einen Beitrag zur Entwicklung tragfähiger Kompromisse zwischen Nutzung und Bewahrung in der kanadischen Forstwirtschaft. Das bedurfte und bedarf langer und zum Teil zäher Verhandlungen. Erst nach einem insgesamt 15jährigen Prozess gelang 2009 in British Columbia die Beilegung der großen Waldkontroverse um den "Great Bear Rainforest". Es ging und geht darum, die Anliegen der Waldarbeiter, der Bürgermeister entlegener Ortschaften, der Ureinwohner, der Umweltorganisationen, der Forst-, Zellstoff-, Papier und Sägewerksunternehmen sowie der Provinzregierung unter einen Hut zu bringen.

Mit Hilfe dieser Erfahrungen konnte im Mai 2010 nun auch eine gesamtkanadische Rahmenvereinbarung unterschrieben werden - das „Canadian Boreal Forest Agreement“ (CBFA). Dabei geht es um den Schutz einer Waldfläche zweimal so groß wie Deutschland und zugleich die weltweit größte unter Schutz stehende Fläche dieser Art. Für die Umsetzung müssen jedoch noch zahlreiche Einzelheiten ausgehandelt werden. Hauptakteure sind Mitglieder der einflussreichen „Forest Product Association of Canada (FPAC)“ sowie einer Reihe von Umweltorganisationen unter der Federführung von Greenpeace. Alle Beteiligte haben ihr Denken weiterentwickelt und Wege gefunden, das notwendige Maß an Flexibilität und Vertrauen aufzubauen. Vertreter des VDZ, darunter die Axel Springer SE, nehmen an diesen Gesprächen ein bis zweimal im Jahr als „active observers“ teil.

Aus der Initiative zum Dialog im kanadischen Wald ergaben sich für das Stakeholder-Management wertvolle Erfahrungen, die bis heute auch in anderen Ländern zur der Deeskalation ähnlicher Konflikte beitragen. Zu den Empfehlungen zählen vor allem

  • Die Einbeziehung möglichst aller betroffenen Anspruchsgruppen
  • Viel Geduld und die Bereitschaft, die anderen Positionen zu verstehen
  • Möglichst professionelle Mediation und sorgfältig dokumentierte Protokolle
  • Die Bereitschaft, eigene Fehler zeitnah einzugestehen
  • Die Fähigkeit, konstruktive Alternativen anzubieten