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Was zu tun ist, wenn der „Tankstellenblick“ fehlt

 
Im Konzerncontrolling der Axel Springer SE will Florian Baier die Vollständigkeit und Transparenz der Daten im Bereich Energie und CO2-Emissionen für die rund 200 zur Axel Springer SE zählenden Unternehmen optimieren. (Foto: Axel Springer SE)
Im Konzerncontrolling der Axel Springer SE will Florian Baier die Vollständigkeit und Transparenz der Daten im Bereich Energie und CO2-Emissionen für die rund 200 zur Axel Springer SE zählenden Unternehmen optimieren. (Foto: Axel Springer SE)

Die CO2-Emissionen senken, den ökologischen Fußabdruck verkleinern: Diese Ziele würden im Jahr 2018 sicher viele Unternehmen unterschreiben. Auch auf der Agenda der Axel Springer SE stehen sie. Allein: Diesen Prozess geplant zu steuern ist nicht einfach. Denn zuerst muss das Unternehmen dafür ein grundlegendes Problem lösen. Dieser Herausforderung stellt sich für Axel Springer unter anderem Florian Baier. Ein Werkstattbericht.

Von Julia Beil

Es gibt Unternehmen, die in ihren Berichten den Eindruck vermitteln, den Überblick über ihre CO2-Emissionen zu haben. Die Ziele formulieren, die ähnlich lauten wie „Bis 2020 wollen wir unsere CO2-Emissionen um XY Prozent senken.“ Bei Axel Springer ist man da zurückhaltender. Denn zuvor will das Unternehmen eine Frage beantworten, die einer solchen Aussage zugrunde liegen muss – und die schwieriger zu beantworten ist, als viele annehmen: Wie viel Energie bekommen wir eigentlich für das Geld, das wir bezahlen?

Bei Axel Springer bemühen sich Konzernrechnungswesen und Controlling seit einiger Zeit darum, herauszufinden, wie viel Energie das Unternehmen mit den inzwischen rund 200 Beteiligungen überhaupt einsetzt – und wie viel CO2 es in der Folge ausstößt.

Die Herausforderung: Die meisten Unternehmen wissen immer, wie viel Geld sie ausgeben; wie viel Energie sie dafür bekommen, das können die wenigsten nachvollziehen. Die Situation ist vergleichbar mit einer defekten Zapfsäule an der Tankstelle: Die zeigt dem Kunden zwar den zu zahlenden Betrag an – aber nicht die Menge an Benzin, die er dafür bekommt.

Im Konzerncontrolling der Axel Springer SE will Florian Baier, gemeinsam mit den insgesamt 20 Mitarbeitern der Abteilung, die Vollständigkeit und Transparenz der Daten im Bereich Energie und CO2-Emissionen verbessern. Der 47-Jährige ist seit 2008 Manager im Vorstandsbereich Finanzen bei Axel Springer. Er steuert dort Projekte und Initiativen im Rahmen der Digitalisierung und Internationalisierung, Schwerpunkt seiner Tätigkeit sind kaufmännische Projekte, Controlling und Reporting. Im Moment feilt Baier an einer Methode, mit dessen Hilfe das Unternehmen ermitteln kann, wie viel elektrische Energie die Axel Springer SE insgesamt einsetzt - inklusive der konsolidierten Beteiligungen.

Ein neuer Aufgabenbereich für Baier, der sich in der Regel nur mit der finanziellen Hälfte der Zapfsäule beschäftigt. Zu den originären Aufgaben des Bereiches Controlling gehören die Erstellung und Interpretation des Monats- und Jahresabschlusses, die Steuerung des jährlichen Planungsprozesses und die Erstellung sogenannter Forecasts, also Vorschaurechnungen. Dabei arbeitet Baier eng mit den Bereichen Konzernrechnungswesen und Investor Relations zusammen. Auch das Portfoliomanagement und die Vorstandsbereiche sind interne Kunden des Controllings.

Dieser Fokus auf das rein Finanzielle stellte in der vordigitalen Zeit kein Problem dar: Axel Springer bestand aus einer relativ stabilen Anzahl fest verorteter Bürogebäude und Druckstandorte. Darin befand sich eine überschaubare Anzahl von Stromzählern, die einfach abgelesen werden konnten. Heute ist das völlig anders. Baier und seine Kollegen müssen umdenken.

Die Gründe dafür fasst er in zwei Worten zusammen: „Digitalisierung“ und „Internationalisierung“. Das Zusammentragen von Energiedaten ist nicht einfach bei einem Unternehmen, dessen rund 200 Beteiligungen in ganz Europa, den USA und selbst auf Mauritius sitzen. Und: „Nicht einmal die Axel Springer-Töchter mit Sitz in Deutschland haben einen zentralen Stromanbieter, der zu einem bestimmten Zeitpunkt eine einzige Rechnung schickt“, sagt Florian Baier. Die Beteiligungen haben zudem völlig unterschiedliche Profile und Tätigkeitsfelder. Neben Medienmarken wie BILD, WELT oder BUSINESS INSIDER gehören internationale Jobportale wie StepStone oder die Online-Marketing-Plattform Awin zum Portfolio.

Diese Vielfalt erschwert den Überblick zusätzlich. Baier: „Die Deutsche Post zum Beispiel hat es etwas einfacher als wir bei Axel Springer. Sie ist ein homogeneres Unternehmen: Den wesentlichen Anteil an den CO2-Emissionen machen da Postfahrzeuge und -flugzeuge aus.“

Trotzdem: Baier ist optimistisch, den Energieeinsatz der einzelnen Unternehmen bald zumindest annäherungsweise bestimmen zu können. Dafür braucht er aber nicht nur den Überblick über reine Verbrauchsmengen. Er muss eine Reihe von Kennzahlen ermitteln, die sogenannten „Key Performance Indicators“ (KPIs). Kennt er die, kann das Management mit ihrer Hilfe versuchen, beispielsweise die Reduktion der CO2-Emission pro Umsatz zu beeinflussen. Doch was genau bezeichnen diese KPIs?

„Da ist erst mal das Offensichtliche: der Stromverbrauch in den Büros. Die Computer, die Kaffeemaschinen, das Licht“, erklärt Florian Baier, „dazu kommen Dienstreisen als wichtige Emissionsquelle. Wir fliegen, fahren Auto und Zug.“ Kein Axel Springer-Mitarbeiter, der mit einem Mietauto zu einem dienstlichen Termin fahre, bekomme von der Vermietungsfirma eine Rechnung, auf der stehe, wie viel CO2 er durch seine Fahrt ausgestoßen habe. Das zentrale Reisebüro im Berliner Haupthaus schicke zwar jedem Kunden eine Übersicht mit der Angabe, wie viele Kilometer je Verkehrsmittel und welchem CO2-Ausstoß das entspricht; natürlich buchen aber längst nicht alle Beteiligungen weltweit ihre Dienstreisen über dieses Büro.

Für die Ermittlung der abgerechneten Energiemengen ist Florian Baier auf die Kooperation mit den Finanzleitungen der Beteiligungen angewiesen – zumindest der größten. Jedem Chief Financial Officer (CFO) schickt er darum regelmäßig einen Fragebogen, den er im Laufe der Zeit immer detaillierter gestaltet hat. Längst fragt Baier darin nicht mehr allein nach dem Stromverbrauch. Er will heute von den Unternehmen auch wissen: Wie viele Quadratmeter beansprucht das Büro? Wie viele Mitarbeiter arbeiten darin? Auf welchen Zeitraum beziehen sich die angegebenen Daten? Auf diese Weise kann er zum Beispiel errechnen, wie viel Strom je Umsatzeinheit oder je Arbeitsplatz im Schnitt eingesetzt wird – eine nicht-finanzielle Kennzahl, die traditionell weder im Rechnungswesen noch im Controlling bisher eine Rolle spielte. Mit Hilfe der länderspezifischen CO2-Faktoren – veröffentlicht von der Internationalen Energie Agentur (IEA) in Paris – kann er dann die mit dem Energieeinsatz verknüpften CO2-Emissionen ermitteln.

Diesen Fragebogen allen rund 200 Beteiligungen zuzuschicken und ihn anschließend auszuwerten, ist zum jetzigen Zeitpunkt aber unmöglich. Zu groß wäre der Arbeitsaufwand, zu klein der Nutzen. Bei den – meist kleinen – Unternehmen, von denen Baier diese Daten nicht erhebt, behilft er sich mit Schätzungen. Die Werte, auf die er so kommt, sind keine „Pi-mal Daumen-Zahlen“, erklärt er. Die Rechnungen, die der Controller anstellt, sind qualifizierte Schätzungen. Baier sieht das nicht als Problem: „Für den Nachhaltigkeitsbericht ist es nicht nötig, alle relevanten Zahlen eines Beteiligungen zu bekommen, das zum Beispiel auf Mauritius sitzt. Wir brauchen auch nicht alle Werte von jeder einzelnen Beteiligung“ Sein Verfahren funktioniere gut: „Es ist wie eine Hochrechnung bei Wahlen: Die Zahlen sind recht genau. Wir bekommen da sehr gute Ergebnisse.“

Könnte man den Stromverbrauch nicht einfach von den einzelnen Stromrechnungen ablesen? Nein, sagt Baier – aus mehreren Gründen. „Viele unserer Beteiligungen können erst gar keine Stromrechnung vorlegen, mit der wir etwas anfangen könnten. Bei manchen ist der Strom zum Beispiel einfach im Mietpreis eingerechnet, die konkrete Verbrauchszahl steht nirgends separat“. Und selbst auf den Rechnungen, die ihm zugänglich sind, ist in vielen Fällen nicht ausgewiesen, welche CO2-Emissionen die gelieferte Energiemenge umgerechnet bedeutet.

Die Resonanz, die Florian Baier von den CFOs der Beteiligungen bekommt, ist in den meisten Fällen positiv – aber nicht immer. „Die Widerstände sind zum Teil noch hoch. Manche tun unser Anliegen als Quatsch ab. Außerdem bedeutet die Beantwortung unserer Fragen zusätzlichen Arbeitsaufwand für die Firmen, wenn auch nicht viel.“ Klappt die Datenerfassung am Ende, gibt es aber oft auch Erfolgserlebnisse – von denen auch die Beteiligungen selbst sehr profitieren. „Manchmal stelle ich Unterschiede im relativen Energiebedarf verschiedener Unternehmen fest. In solchen Fällen kann ich Beteiligungen mit ähnlichen Dimensionen und ähnlichen Geschäftsmodellen in Verbindung bringen. Letztendlich bedeutet das für das Unternehmen eine finanzielle Ersparnis.

Eine besondere Herausforderung, die Florian Baier meistern will, besteht in den Rechenzentren, auf deren Servern Axel Springer seine Daten einspeist und lagert. Sie sind eine der größten Quellen indirekt generierter CO2-Emissionen – und noch hat das Unternehmen nur ansatzweise Kenntnis darüber, wie viel Strom diese Server verbrauchen und wo dieser herkommt. Die Betreiber der Rechenzentren heißen unter anderem Atos, Amazon Web Services (AWS) und Bertelsmann. Diese Unternehmen tun sich noch schwer mit der kundenspezifischen CO2-Transparenz. Baier ist aber auch hier zuversichtlich. „Die Kollegen, die bei uns für die Verträge mit externen Rechenzentren zuständig sind, arbeiten daran. Auch das Konzernreferat Nachhaltigkeit macht zunehmend Druck.“

Für den Kunden der großen Anbieter – in diesem Fall also Axel Springer – ist nur schwer ersichtlich, für wie viele eingespeiste Daten das Rechenzentrum wie viel von welchem Strom mit welchem CO2-Fußabdruck eingesetzt hat. Doch genau diese Informationen möchte der Rechenzentren-Kunde Axel Springer kennen. Florian Baier glaubt, dass das bald klappen kann: „Diese Server-Unternehmen kommen jetzt zunehmend in Zugzwang – durch nervige Kunden, die Fragen stellen. Axel Springer will einer dieser nervigen Kunden sein.“

Mit Giganten wie AWS verhandeln, kleine Beteiligungen auf der ganzen Welt mit Formularen zu ihrem Energieeinsatz nerven – all das sind notwendige Etappen auf dem Weg zu dem Ziel, Axel Springers CO2-Fußabdruck zu beziffern. Kennzahlen wie die von Florian Baier ermittelten KPIs helfen dann, die eigene CO2-Effizienz mit der anderer Unternehmen zu vergleichen und vor allem, sie schließlich kontinuierlich zu verbessern.

Doch warum ist die Beschäftigung mit dem Thema überhaupt so wichtig? Wer übt Druck auf das Unternehmen aus? „Natürlich werden unsere Anleger in Zukunft zunehmend Fragen zum Thema Nachhaltigkeit stellen“, sagt Florian Baier, „auch wenn es auf den Aktionärsversammlungen im Moment noch eine eher untergeordnete Rolle spielt.“ Ein anderer, großer Antrieb ist für Baier momentan das sogenannte „employer branding“. Heißt: „Axel Springer will ein attraktiver Arbeitgeber sein.“ Ein Unternehmen mit dem Selbstverständnis als führender Digitalverlag will gut ausgebildete Bewerber anziehen. Und die wollen bei einem Unternehmen arbeiten, das modern und nachhaltig handelt – und das seine Ziele in Sachen CO2-Effizienz auf Grundlage belastbarer Zahlen festlegt.