A - +

„Wir wollen Pionier sein“

 
André Twachtmann von AS IT - Infrastructure Services erläutert Redakteurin Julia Beil die Reste eines im Berliner Verlagshaus Axel Springer wegen niedriger Energie-Effizienz ausgedienten Rechenzentrums. (Foto: Axel Springer SE)
André Twachtmann von AS IT - Infrastructure Services erläutert Redakteurin Julia Beil die Reste eines im Berliner Verlagshaus Axel Springer wegen niedriger Energie-Effizienz ausgedienten Rechenzentrums. (Foto: Axel Springer SE)

Drei Jahre lang migrierte die Axel Springer SE große Teile der eigenen Rechenzentren zu externen Service Providern. Die Provider dieser Server haben große Namen: Amazon Web Services ist darunter, auch Atos, Microsoft und Arvato aus dem Bertelsmann Konzern. Um die Daten ihrer Kunden hosten zu können, setzen die Server-Anbieter elektrische Energie ein. Doch wie viel von diesem Energieverbrauch auf wessen Daten zurückgeht – darüber geben die Serverdienstleister bisher nur wenig konkrete Auskunft. André Twachtmann, Head of Infrastructure Services bei der Axel Springer IT, bohrt darum im Sinne der Nachhaltigkeit bei Microsoft und Co. nach: Wie viel Energie verbrauchen die Springerschen Daten dadurch, dass sie auf den Servern dieser Anbieter lagern? Hier spricht er darüber, welchen Herausforderungen er dabei begegnet – und wieso er optimistisch ist.

Von Julia Beil

Pferde brauchen Futter. Ob sie nun im eigenen Stall stehen oder der Eigner sie in fremde Obhut gegeben hat, ist egal. Das Pferd hat überall Hunger, denn es braucht Energie.

Nun klingt das vielleicht etwas merkwürdig, doch ebenso wie mit den Pferden verhält es sich mit den Daten der Axel Springer SE. Die Server, auf denen sie lagern, brauchen Futter – in Form von Strom. Wo diese Server stehen, ist dabei, wie bei den Pferden, egal. Die Daten können entweder firmenintern „gefüttert“ werden; oder aber anderswo, in den Rechenzentren externer Provider. Wichtig für Pferde- wie Datenbesitzer ist nur: Sie müssen wissen, wie viel Futter ihr Schützling verbraucht. Dieser Wert ermöglicht es ihnen nämlich, ökonomisch wie ökologisch nachhaltig zu handeln.

Denn die Axel Springer SE arbeitet an Controlling-Verfahren, die transparent machen, welche Menge an elektrischer Energie direkt bei den rund 200 konsolidierten Unternehmen der Axel Springer SE, bzw. indirekt bei den vom Unternehmen unter Vertrag genommenen externen Rechenzentren, für die Erreichung der wirtschaftlichen Ergebnisse insgesamt eingesetzt wird. Das Management will den klimawirksamen Fußabdruck kennen und anhand von Kennzahlen beeinflusse können.

Einer der Verantwortlichen, der sich um die Unterbringung und „Versorgung“ der Daten der Axel Springer SE kümmert, heißt André Twachtmann. Der 34-jährige Head of Infrastructure Services arbeitet seit 2013 in der Axel Springer IT. Dieser Arbeitsbereich befasst sich mit der Anbindung der Arbeitsplätze an digitale Netzwerke wie das WLAN und die Rechenzentren, in denen die Firmendaten liegen. Dazu zählen beispielsweise die Cloud, OS X, Windows und Office 365. Twachtmann war zuvor bei der Deutschen Telekom in Bonn, wo er sich in verschiedenen Positionen mit IT Systemen beschäftigt hat.

Der Fachinformatiker verhandelt hier u.a. mit den Serveranbietern, zu welchen Konditionen diese wie viele Daten des Unternehmens bei sich „aufnehmen“. Dieses Outsourcing ist für den Verlag ein immer größeres Thema: Gerade erst migrierte Springer, unter Federführung Twachtmanns, rund 1.000 Server, die ursprünglich intern in Bürogebäuden betreut wurden, in eine sogenannte „Private Cloud“ des Anbieters Atos.

„Wir haben in den letzten drei Jahren viele unserer alten Rechenzentren, die zum Teil ökonomisch und ökologisch sehr ineffizient waren, in moderne, externe Rechenzentren verschoben“, erklärt Twachtmann. Ineffizient – damit ist vor allem gemeint, dass bei den Servern, die zuvor u.a. im Springer-Haupthaus in Berlin standen, sehr viel Energie allein für die Kühlung des Systems eingesetzt werden musste.

„Ein Server verbraucht Energie, dadurch dass er Operationen berechnet oder Daten speichert und zur Verfügung stellt. Je mehr er arbeitet, umso mehr Strom verbraucht er. Dies führt zu einer hohen Wärmedichte im Rechenzentrum“

Das Problem: Es entsteht sogenannte Abwärme, ein Abfallprodukt. Damit das System nicht überhitzt, müssen die Server gekühlt werden. Die Gebäudestruktur im Berliner Hauptsitz ist dafür ungeeignet – die Decken sind beispielsweise sehr hoch. „Wir mussten uns 2014 also entscheiden: Bauen wir jetzt hier im Gebäude alles um? Oder suchen wir uns jemand externen, bei dem das Betreiben solcher Server das Kerngeschäft ist?“ Axel Springer entschied sich für die zweite Option.

Aus diesem Grund liegt nun ein Großteil der Unternehmensdaten bei externen Providern: Sie heißen Amazon Web Services (AWS), Microsoft, Akamai, Atos und Arvato – letzterer gehört zu Bertelsmann. Diese Konzernriesen ‚füttern‘, metaphorisch gesprochen, die Springer-Pferde. Twachtmanns Ziel: „Bei allen fünf Dienstleistern wollen wir dafür sorgen, dass wir ein gutes Energie- und CO2-Reporting bekommen.“

Konkret heißt das zum Beispiel, dass Twachtmann beim Abschließen neuer Verträge mit solchen Dienstleistern darin vereinbart sehen will, dass seiner Abteilung einmal jährlich ein konkreter Wert geliefert wird, der eine Antwort auf die Frage gibt: Wie groß ist der Anteil des Energieverbrauchs, den Springer mit seinen Daten bei dem Serveranbieter verursacht?

Kennt er diesen Wert, kann er mit dem Konzerncontrolling die Verbrauchszahlen verschiedener Provider vergleichen und feststellen, wie energie-effizient der jeweilige Anbieter bei der Datenbetreuung ist.

Der Stromverbrauch, der durch die Kühlung entsteht, lässt sich bereits beziffern – mit Hilfe des sogenannten „Power Usage Effectiveness-Faktors“, PUE-Faktor abgekürzt. Er besagt, wie effizient ein Rechenzentrum Energie nutzt. „Füge ich meinem Rechenzentrum ein „Stück“ Strom zu um die Server zu betreiben, wie viele Stücke Strom brauche ich dann zusätzlich für die Kühlung?“, sei die Frage, die der PUE-Faktor beantworte. Er muss also möglichst niedrig sein.

Bei den Servern eines unserer Anbieter betrage der PUE-Faktor etwa 1,2. Für ein Stück Strom muss der Anbieter also noch einmal 0,2 Stück Strom für die Kühlung benutzen. In dem internen Rechenzentrum im Springerhaus in Berlin betrug dieser Wert zuletzt ca. 2,8. Eine enorme Verbesserung also.

Für Serveranbieter dürfte es zwar nicht enorm aufwändig, aber vielleicht doch ein wenig nervig sein, jedem einzelnen ihrer Kunden einzeln auszurechnen, wie viel Energie sie für die Lagerung von dessen Daten verbrauchen. Dazu kommt, dass es für einige Anbieter leichter ist als für andere, diesen Wert zu errechnen. Beispiel: „Bei Anbietern welche dediziert für uns Services betreiben, wissen wir genau, welche ihrer Server explizit Springer zugewiesen sind“, sagt André Twachtmann, „damit kann der Betreiber relativ einfach messen oder berechnen, wie viel Strom genau diese Server einsetzen.“

Schwierig wird es dagegen bei sogenannten „Cloud Services“ (z.B. Office 365 oder AWS) die Axel Springer SE ebenfalls intensiv nutzt. Da es sich um einen sogenannten „Shared Service“ handelt, einen Server oder Dienst also, den Axel Springer mit vielen weiteren Kunden gemeinsam nutzt, ist es hier komplizierter, anzugeben, wie viel des gesamten Stromverbrauchs auf die Springer-Daten zurückgeht.

„Ich weiß weder, in welchem konkreten Rechenzentrum bestimmte Daten liegen, noch auf welchen Servern.“ Trotzdem bleibt André Twachtmann auch in den Verhandlungen mit diesen Anbietern am Ball.

„Wir sind mit verschiedenen Anbietern in Gesprächen über innovative Möglichkeiten, diesen Faktor auszurechnen“, sagt er. Ziel ist eine Formel, die dabei helfen könnte, den durch Axel Springer verursachten Stromverbrauch der Serveranbieter zu ermitteln. Zum Beispiel könnte der gesamte Stromverbrauch im Verhältnis zum Umsatz eine Indikation für den Kunden geben.

Durch solche Kalkulationen käme Twachtmann dem gewünschten Wert zumindest ein Stück näher – das Ergebnis wäre aber immer noch sehr ungenau. Denn: „Jeder Kunde der Provider hat unterschiedliche Rabatte, Tarife und Konditionen, zu denen er die Services nutzt. Somit kostet die gleiche Anzahl an Strom verschiedene Kunden mehr oder weniger. Hinzu kommt, dass auch verschiedene Rechenzentren und deren Standorte eine solche Zahl stark beeinflussen würden.“

Twachtmann schweben weitere Ansätze vor. Die möchte er gemeinsam mit den großen Dienstleistern entwickeln. Das ist nicht immer leicht. Zwar haben all diese Firmen einen Nachhaltigkeitsbeauftragten, erklärt er, „Doch den konkreten Bedarf eines Kunden regelmäßig zu prüfen und zu berichten, ist bei vielen Anbietern heute noch nicht möglich..“

Verschlossen seien die Providerfirmen zwar nicht – aber auch nicht sehr initiativ. „Wir sind hier heute eher im „pull“-Prinzip unterwegs“, sagt Twachtmann. Wenige kommen in der Angelegenheit proaktiv auf Axel Springer zu. Das liege höchstwahrscheinlich daran, dass die Axel Springer SE International gesehen kein Großkunde sei. „Wir sind nicht unbedingt die größten Abnehmer dieser Server-Fimen.“ Und viele größere Server-Kunden, die bei dieser Frage Druck ausüben könnten, tun dies offensichtlich noch nicht.

„Wir sind ein Stück weit auf die externen Betreiber angewiesen. Wir müssen ständig anklopfen und sagen: Bitte rechnet uns das doch aus und entwickelt ein Verfahren, welches diese Daten generiert und dokumentiert.“

Doch etwas stimmt ihn optimistisch. „Auf lange Sicht ist es auch im Interesse der Provider-Kundenorientierung, für jeden ihrer Kunden auszurechnen, wie viel Strom dessen Daten in den Rechenzentren brauchen und welcher CO2-Fußabdruck sich daraus ergibt. Denn diese klimarelevante Information wird für Serverkunden wie Axel Springer immer wichtiger. So hoffen wir, dass andere Firmen wie große US-Konzerne in dieser Sache ihren Druck auf die Providerfirmen bald erhöhen.“

Offenbar ist die Axel Springer SE anderen Unternehmen, die ihre Daten ausgelagert haben, mit seinen Erwartungen an die Serveranbieter voraus. Das weiß auch André Twachtmann. „Wir wollen Pionier sein“, sagt er.

Doch woher kommt dieser Pioniergeist? „Nachhaltigkeit ist dem Unternehmen wichtig. Schon bei der Papierproduktion war Springer einer der ersten, der bei Lieferanten mit Blick auf nachhaltige Forstwirtschaft auf Transparenz und hohe Standards gedrängt hat.“ Genau das wolle der Konzern nun auch mit den digitalen Produkten innovativ weiterleben.

„Wir wollen vorne mit dabei sein, wir wollen unsere eigenen Lücken erkennen. Wo produzieren wir vielleicht Services für unsere Kunden, die viel Energie brauchen und wenig bringen?“

Für mehr Klarheit wird wohl noch einige Verhandlungsarbeit notwendig sein. Denn die Frage: Wie viel fressen die ‚Pferde‘ der Axel Springer SE, die nun bei AWS, Microsoft und den anderen „Gastgebern“ untergebracht sind, soll möglichst transparent beantwortet werden.